Viele Kinder, viele Geschichten, Verletzungen und Hoffnungen

Aufzeichnungen von Jürgen Zimmer

 

Unter den ersten Kindern waren der zwölfjährige Long aus dem Dschungel, der von Bambuswürmern, Mäusen und Früchten gelebt hatte, die zehnjährige Wow, deren Straßenfamilie 29 Tage im Monat von Reis mit Chili und Salz lebte, der neunjährige Mod, der aus harten Gräsern Büschel band und sie als Besen verkaufte, der siebenjährige Boy, der am Krankenbett das Sterben seiner aidskranken Mutter miterlebte und viele Nächte bitterlich weinte, die neunjährige Namfom, die, aus Dörfern mit Steinwürfen vertrieben, sich im Selbsthass die Haare ausriss, der sechsjährige Cob, den seine überforderte und gewalttätige Großmutter in einer Kiste gefangen hielt, der neunjährige Jimmy mit rotverschmiertem Gesicht und dickem Bauch, der seinen Hunger mit roter Erde gestillt hatte oder die zwölfjährige Jib, die den Tsunami überlebte und Schüttelkrämpfe bekam, bei dem Versuch, ihr Trauma loszuwerden.

Mit den Kindern ziehen Religionen und Religionsspuren in die School for Life ein: buddhistische und muslimische Thais, christliche Kinder der Hilltribes, der Ahnen- und Geisterglaube der Thais wie auch der anderer Volksgruppen. Religionssplitter überlagern sich, bilden Amalgame oder werden schemenhaft. Eine ökumenische Gemeinschaft entsteht, zu der die kleine Dorfkirche in Pongkum – die gar keine ist, sondern eine Wohnung – genau so gehört wie der Gebetsteppich, die Tempel ringsum oder die Mönche, die auf die Farm kommen und mit den Kindern meditieren. Mit der Religionsvielfalt geht die Sprachenvielfalt einher. Lahu-Kinder sprechen Lahu, auch die Akha Lisu und Karen haben ihre eigenen Sprachen. Einige sprechen burmesisch oder das Nord-Thai, da mit dem Süd-Thai ungefähr so viel zu tun hat wie Schweizerdeutsch mit dem Holländischen. Vor allem aber gibt es Mischungen jedweder Art: ein Kind zum Beispiel, das burmesische Brocken mit Lisu und Nord-Thai mischt und noch mit seiner Kindersprache dazu. Und so kommt es vor, dass ein älteres Akha-Kind mit thailändischen Schulerfahrungen für ein jüngeres Akha-Kind burmesischer Herkunft, das sein Sprachenmischmasch spricht, übersetzt, und zwar so gut, dass die thailändischen Erwachsenen alles verstehen und die Inhalte auch noch englischsprechenden Volontären weiter gegeben werden können.

Die Kinder werden auf vielfältige Weise beteiligt: bei der Planung und Durchführung von Projekten, bei der Gestaltung der School for Life als ‚Polis‘ mit Kinderparlament, Bürgermeistern, Hausgemeinschaften, Schutzengeln, der Aushandlung von Pflichten und Rechten. Eine andere Mitgestaltungsmöglichkeit besteht in der Gründung von Mini Enterprises.

 

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